Ein zunehmend wichtiges Thema im Einkauf ist das Thema Circular Procurement. Aber was genau bedeutet das eigentlich? Ist das nur ein anderes Wort für Green Procurement oder Sustainable Procurement? Und wie genau übersetzt sich Circular Procurement in reale Einkaufsprozesse? Darum geht’s jetzt!
Circular Procurement strebt nach einer geschlossen Zero-Waste Produktion
Möchte man den Begriff sauber definieren, muss man sich zuerst nochmal den klassischen Beschaffungsprozess vor Augen führen. Der klassische Beschaffungsprozess ist nämlich linear. D.h. beispielsweise mehrere Vorlieferanten einer Supply Chain versorgen ein produzierendes Industrieunternehmen mit Vormaterialien und dieses Unternehmen liefert das Endprodukt an den Konsumenten. Entscheidend ist bei der linearen Beschaffung, dass am Ende des Lebenszyklus keine Wiederverwendung steht, sondern es entsteht in der einen oder anderen Form Abfall.
Circular Procurement versucht diese lineare Lieferkette zu einem Kreislauf zu schließen. Dies geschieht in erster Linie durch Recycling, könnte aber auch durch Reparatur, Überarbeitung oder Redesign funktionieren. Als Ergebnis entsteht im Idealfall im Circular Procurement also kein Abfall.

Circular Procurement ist nicht identisch mit Green Procurement oder Sustainable Procurement
Und das ist im auch die wichtigste Abgrenzung zu anderen Trendvokabeln, wie Green Procurement oder Sustainable Procurement. Während Green Procurement eine möglichst umweltfreundliche, aber lineare Beschaffung beschreibt, streben Sustainable Procurement und Circular Procurement nach einem Kreislauf. Circular Procurement grenzt sich letztlich aber auch gegenüber Sustainable Procurement ab, indem es nach einer Situation mit Null Abfällen und 100% Wiederverwendbarkeit strebt.

Es gibt in der Praxis drei Implementierungslevel für Circular Procurement
Wie kann man Circular Procurement in der Praxis anwenden? Dafür gibt es grundsätzlich 3 Ebenen. Erstens das Systemlevel. Das heißt vor allem, dass man Vertragsformen wählt, die Eigentum überflüssig machen und letztlich auch die Verantwortung für die Entsorgung aus der Hand des Nutzers nehmen. Also sind klassische Miet- und Leasingverträge ein geeignetes Mittel, um einen Abfalllosen Beschaffungskreislauf zu erreichen.

Die zweite Ebene betrifft die Lieferanten eines Unternehmens. Auf dieser Ebene geht es also darum, wie ich meine Lieferant einbinde, um einen Beschaffungskreislauf zu erzeugen. Wichtige Sichworte sind hier beispielsweise „Supplier Trackback Mechanismen“, die Materialien nach Ende des Lebenszyklus an die Vorlieferanten zurückführen oder „Design to Disassembly“ Ansätze, die bereits in der Designphase bei der Produktentwicklung festlegen, wie die Produkte am Ende des Lebenszyklus auseinandergebaut werden.
Und auf der 3. Ebene ist das Produkt. Hier geht es um die Frage, wie die Materialien eines Produkts nach Ende des Lebenszyklus wiederverwendet werden können.
Circular Procurement muss in den klassischen Sourcing Prozess eingearbeitet werden
Wie kann man Circular Procurement erfolgreich in Einkaufsprozessen implementieren? Für die erfolgreiche Implementierung ist entscheidend, dass hier bereits sehr früh angesetzt wird – nämlich bereits bei der ersten Identifikation eines Bedarfs. Bereits beim Produktdesign müssen sich die Ingenieure Gedanken über die End-of-Life Phase machen. Beispielsweise kann durch modulares Design die Widerverwendbarkeit am Ende des Lebenszyklus erhöht werden. Der Einkauf muss sich hier als Kenner von alternativen Materialien und Märkten einbringen.
Im 2. Schritt wird die technische Spezifikation festgelegt. D.h. hier muss sichergestellt werden, dass wiederverwendbare Materialien in die Lastenhefte geschrieben werden.
Im 3. Schritt finden Verhandlungen mit Lieferanten statt. Außerdem wird in diesem Prozessschritt die Vergabeentscheidung getroffen. Hier muss nun das Thema Circularität zwingend in die Vergabeentscheidung einfließen. Aus eigener Erfahrung empfehle ich an dieser Stelle weniger Scorecards, wie sie im Einkauf weit verbreitet sind. Stattdessen empfehle ich eine strikte monetäre Bewertungen. Es muss verbindlich und für die Lieferanten transparent die Frage beantwortet werden, wie hoch die Zahlungsbereitschaft für das Thema Cicularität ist. Nur wenn das passiert, werden den Lieferanten echte Anreize gesetzt und der übliche Reflex, die günstigste Lösung zu wählen, vermieden.
Die Erfolgsfaktoren liegen auf den Ebenen des Unternehmens, der Lieferkette und den Institutionen
Die wichtigsten Erfolgsfaktoren liegen auf 3 Ebenen. Auf der ersten Ebene steht das Unternehmen selbst. Hier steht der Einkauf – wie bereits gesagt – in der Pflicht, das Thema Circularität konsequent im Vergabeprozess zu berücksichtigen. Zusätzlich müssen die Mitarbeiter geschult werden, um methodisch für Circular Procurement gerüstet zu sein.

Die zweite Ebene betrifft die Organisation der Lieferkette. Das Thema Reverse Logistik ist hier der Schlüssel zum Erfolg. Die gesamte Lieferkette muss dahin gebracht werden, dass die Rohstoffe und Vormaterialien in beide Richtungen entlang der Supply Chain abgewickelt werden können. Intermediäre, wie z.B. Schrotthändler, können hier eine Schlüsselrolle spielen. Zusätzlich muss auch über branchenübergreifende Kooperationen nachgedacht werden, denn oftmals ist der Rückgabemarkt völlig anders strukturiert als die althergebrachte lineare Lieferkette.
Und auf der letzten Ebene stehen die staatlichen und internationalen Institutionen. Beispielsweise durch steuerliche Nachteile für “jungfräuliches” Material kann der Einsatz von recycletem Material incentiviert werden. Überdies könnten durch verbindliche Recycle-Quoten die Bildung und das Wachstum von Circular Procurement forciert werden.
