Claimverhandlungen am Bau sind leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sie führen oft zu einem erheblichen Anstieg der Kosten nach Baubeginn und zu einer großen Belastung der Beziehung zwischen Bauherren und Dienstleistern. Da die resultierenden Kosten erst lange nach der Auswahl eines Generalunternehmers bzw. der Vergabe der einzelnen Gewerke eines Bauprojekts entstehen, befinden sich Bauherren in Verhandlungssituationen häufig in einer deutlichen Nachteilslage gegenüber den Bauunternehmen. Für Bauherren ist es daher zunächst entscheidend, die häufigsten Ursachen für Claims zu verstehen. Im zweiten Schritt können dann geeignete Maßnahmen diskutiert werden, um Claims präventiv zu vermeiden. Drittens stellt sich die Frage, mit welchen Methoden Bauherren Claims erfolgreich verhandeln können, wenn sich eine Auseinandersetzung nicht mehr verhindern lässt und eine Verhandlungslösung erforderlich ist.
Die Ergebnisse der Studie “Assessing the Delay, Cost, and Quality Risks of Claims on Construction Contract Performance” von Fani Antoniou und Alexandra Vassiliki Tsioulpa aus dem Jahr 2024 sind für dieses Thema besonders relevant. Die Autorinnen haben im Detail u.a. untersucht, welche Claim-Ursachen empirisch betrachtet die größten Mehrkosten nach sich ziehen. Obwohl die Untersuchung auf große Infrastrukturprojekte in Griechenland fokussiert ist, lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse grundsätzlich auch auf andere Bauprojekte übertragen.
In diesem Beitrag beleuchte ich daher die fünf wichtigsten Gründe für Claimverhandlungen am Bau und zeige auf, wie sich diese Risiken präventiv steuern und im Streitfall effektiv verhandeln lassen.
Ursache 1: Inflation und Preiserhöhungen
Gerade bei langen Bauzeiten wird Inflation zu einem kaum kalkulierbaren Risiko. Laut der Studie von Antoniou und Tsioulpa gehören unvorhersehbare Preissteigerungen zu den häufigsten Ursachen für Claimverhandlungen am Bau mit hohen Mehrkosten. Prävention beginnt hier schon bei der Vertragsgestaltung: Fixpreise sollten nur mit explizitem zeitlichem Horizont vereinbart werden, anschließend sind klare Preisgleitklauseln vorzusehen. Ebenso kann eine frühzeitige Materialbeschaffung helfen, spätere Kostensprünge abzufangen – ein blindes Vertrauen in Just-in-time-Strategien wird zunehmend riskant.
Darüber hinaus sind straffe Zeitpläne und starke Anreize für die Termintreue wichtig, etwa durch Pönalen, da Preissteigerungen häufig bei Projektverzögerungen besonders ins Gewicht fallen. Kommt es dennoch zu Nachforderungen, sollten diese genau geprüft werden: Welche Preissteigerungen (z. B. Diesel, Stahl, Zement) werden konkret geltend gemacht? Sind sie durch Preisindizes, Rechnungen oder Lieferscheine belegbar? Ebenso muss geprüft werden, ob die Nachforderung überhaupt rechtzeitig angezeigt wurde und ob Dokumentationslücken bestehen, die Gegenforderungen ermöglichen. In Verhandlungen kann oft eine Teilkompensation, etwa durch Terminverlängerungen oder Teilzahlungen, eine sinnvolle Lösung darstellen.
Ursache 2: Änderungen im Projektumfang
Änderungen während der Bauphase sind fast unvermeidlich – doch sie zählen zu den teuersten Auslösern für Claimverhandlungen am Bau. Eine lückenhafte oder widersprüchliche Leistungsbeschreibung eröffnet Interpretationsspielräume, die später teuer werden können. Präventiv sollte daher auf eine vollständige und klare Ausschreibung geachtet werden. Der Einsatz von Building Information Modeling (BIM) und anderen Planungstools ermöglicht zudem eine präzisere Mengenermittlung und bessere Planungsgenauigkeit.
Ein strukturiertes Änderungsmanagement ist ebenfalls essenziell: Änderungen müssen dokumentiert, genehmigt und ihre Auswirkungen auf Termine und Kosten systematisch festgehalten werden. Reaktiv gilt es, Nachtragskalkulationen sorgfältig zu prüfen: Ist der geforderte Aufpreis gerechtfertigt? Sind Aufwand und Materialverbrauch plausibel? Verhandlungsstrategien sollten auf einer Zerlegung der Forderung in Material, Lohn und Zeit basieren, um alternative Kompensationen wie Terminverschiebungen oder Preisdeckel verhandeln zu können.
Ursache 3: Designfehler und Planungsschwächen
Ein weiterer wesentlicher Treiber von Claimverhandlungen am Bau sind Designfehler und Planungsmängel. Oft werden sie erst auf der Baustelle sichtbar – und dann besonders kostspielig. Um dies zu verhindern, empfiehlt sich eine Planungsprüfung durch unabhängige Dritte nach dem Vier-Augen-Prinzip. Ergänzend dazu sollte der Vertrag klare Haftungsregeln für Planungsfehler enthalten sowie Bestimmungen zur Pflicht der Mängelbeseitigung auf eigene Kosten.
Tritt der Fehlerfall ein, ist eine genaue Verantwortungsprüfung entscheidend: Liegt die Haftung beim Planer, Generalunternehmer oder bei einem Dritten? Ebenso wichtig ist die Prüfung der Dokumentation: Wurden Planänderungen ordnungsgemäß dokumentiert? Was war zum Zeitpunkt der Bauausführung freigegeben? Bei komplexen Fällen kann die Einschaltung eines Projektsteuerers oder Claim-Managers helfen, den Sachverhalt aufzubereiten und eine fundierte Verhandlungsgrundlage oder Entscheidungsvorlage (Mediation, Schlichtung, Gericht) zu schaffen.
Ursache 4: Verzögerte Zahlungen
Nicht selten sind es Zahlungsprobleme, die Bauprojekte destabilisieren und Claimverhandlungen am Bau notwendig machen. Um dies präventiv zu vermeiden, sollten klare Zahlungsbedingungen und Fristen im Vertrag definiert werden. Ebenso wichtig: Was genau als „prüffähige Rechnung“ gilt, sollte eindeutig beschrieben werden. Abschlagszahlungen sollten sinnvoll strukturiert und an Baufortschritte gekoppelt sein.
Auch intern müssen Prozesse optimiert werden: Zahlungsketten mit definierten Bearbeitungszeiten helfen, Verzögerungen zu vermeiden. Kommt es dennoch zu Zahlungsverzögerungen, sollten Unternehmen die vertraglichen Regelungen genau prüfen: Wurden Zahlungsfristen verletzt? Wurden Mahnungen und Nachfristen korrekt gesetzt? Schadensnachweise wie Zwischenfinanzierungskosten oder Stillstandskosten müssen belastbar dokumentiert sein. In vielen Fällen lässt sich durch Nachverhandlungen, Teilzahlungen oder Zinsgutschriften eine Eskalation vermeiden – und der Weg für eine bessere zukünftige Zahlungsabwicklung ebnen.
Ursache 5: Unzureichende Materialbeschaffung
Schließlich ist eine häufig unterschätzte Ursache für Claimverhandlungen am Bau die unzureichende Beschaffung von Materialien. Gerade bei globalen Lieferketten und volatilen Märkten ist die Gefahr hoch, dass kritische Komponenten nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Präventiv helfen klare vertragliche Regelungen zur Beschaffungsverantwortung und Flexibilitätsklauseln, etwa für gleichwertige Ersatzmaterialien. Vorratskäufe oder Materialreservierungen bei Schlüsselgewerken sind in großen Projekten inzwischen gängige Praxis.
Im Konfliktfall sollte genau geprüft werden: Wer war vertraglich für die Beschaffung verantwortlich? Wurden Lieferengpässe rechtzeitig angezeigt? Gab es frühere Hinweise auf Probleme? In der Verhandlung sollte der Fokus auf Kooperation liegen: Alternative Materialien, Terminverschiebungen oder Bauherrenseitige Materialbeistellungen können helfen, Mehrkosten zu begrenzen. In schwerwiegenden Fällen können auch Vertragsstrafen oder die (Teil-)Kündigung von Leistungen erwogen werden.
Fazit: Frühzeitiges Handeln verhindert teure Claimverhandlungen am Bau
Die Untersuchung von Antoniou und Tsioulpa belegt eindrucksvoll, dass es wiederkehrende Ursachen sind, die Claimverhandlungen am Bau auslösen und zu massiven Mehrkosten führen – gerade bei öffentlich vergebenen Infrastrukturprojekten. Doch die Lehren daraus lassen sich auf jedes Bauvorhaben übertragen: Wer präventiv klare Regeln schafft, Planungsqualität sichert, Prozesse strukturiert und im Konfliktfall systematisch prüft und verhandelt, kann viele Streitpunkte entschärfen – oder sie gar nicht erst entstehen lassen. Denn am Bau gilt mehr denn je: Gute Vorbereitung ist der beste Schutz vor teuren Auseinandersetzungen.
Wollen Sie mehr zum Thema Bauverhandlungen lesen? Gerne unter: https://savegain-sourcing.com/2025/05/04/sind-smart-contracts-wirklich-eine-smarte-loesung-fuer-bauprojekte/
