Interessenbasierte Verhandlung am Beispiel Apple, Netflix und Samsung

I

Die interessenbasierte Verhandlung steht im Zentrum vieler bedeutender Geschäftsabschlüsse – auch wenn sie selten im Rampenlicht steht. In der Studie „The Business Negotiation Between Apple, Netflix and Samsung: An Interest-based Analysis“ von Jiaxin Li und Kolleg:innen wird die komplexe Dynamik solcher Verhandlungen anhand dreier Tech-Giganten analysiert: Apple, Samsung und Netflix.

Elektronikhersteller wie Apple und Samsung konkurrieren nicht nur um das innovativste Design oder die leistungsstärkste Hardware – es geht ebenso um Patente, Plattformstrategien und Einnahmequellen. Auch Netflix, ursprünglich reiner Streaminganbieter, gerät zunehmend in diesen Strudel, insbesondere wenn digitale Dienste mit Hardware-Ökosystemen verschmelzen. Wie die Studie zeigt, ist die Verhandlung häufig das verborgene Schlachtfeld hinter Schlagzeilen und Produktpräsentationen.

Scheitern der interessenbasierten Verhandlung im Innovationsstreit Apple vs. Samsung

Ein zentrales Beispiel der Analyse ist der erbitterte Patentstreit zwischen Apple und Samsung. Obwohl die beiden Unternehmen als Rivalen im Smartphone-Markt gelten, waren sie einst eng miteinander verflochten – Samsung war sogar ein bedeutender Zulieferer von Apple. Doch 2011 eskalierte die Beziehung dramatisch.

Apple warf Samsung vor, mit der Galaxy-Serie das Design des iPhones kopiert zu haben. Für Apple stand dabei nicht nur das äußere Erscheinungsbild zur Debatte, sondern der Wert und die Identität der Marke selbst. Samsung hingegen beschuldigte Apple, eigene Mobilfunkpatente verletzt zu haben.

Es folgte ein juristischer Schlagabtausch, der sich über Jahre und Kontinente erstreckte. Während Gerichte in den USA überwiegend Apple Recht gaben, tendierten asiatische Gerichte eher zu Samsung. Die finanziellen und reputativen Folgen waren enorm – der Streitwert überstieg zeitweise eine Billion Dollar.

Aus Sicht der Verhandlungstheorie zeigt dieser Fall, wie interessenbasierte Verhandlung scheitern kann, wenn keine Seite bereit ist, von festen Positionen abzurücken. Apple pochte auf exklusives Design, Samsung auf seine Innovationsfreiheit. Trotz Vermittlungsversuchen blieb die starre Haltung beider Parteien ein Hindernis. Hier wurde nicht verhandelt – es wurde gekämpft.

Diese Auseinandersetzung dient der Elektronikbranche als mahnendes Beispiel: Wer strategische Partnerschaften für kurzfristige Siege opfert, riskiert langfristigen Schaden.

Apple und Netflix: Erfolgsmodell der interessenbasierten Verhandlung

Ganz anders verlief die Verhandlung zwischen Apple und Netflix – ein Beispiel dafür, wie interessenbasierte Verhandlung zu einer echten Win-win-Situation führen kann.

Netflix erwirtschaftete über Apples iOS-Plattform beachtliche Einnahmen – allerdings musste das Unternehmen bis zu 30 % davon als sogenannte „Apple Tax“ abgeben. Um diese zu umgehen, entfernte Netflix die Abo-Option aus seiner App und verwies Nutzer auf seine Website. Für Apple bedeutete das potenziell massive Einnahmeverluste.

Doch anders als im Fall Samsung wählte Apple diesmal nicht den juristischen Weg, sondern trat in direkte Gespräche mit Netflix. Beide Seiten formulierten ihre Interessen: Apple wollte Netflix in seinem Ökosystem halten, Netflix strebte höhere Margen und mehr Kontrolle an.

Die Studie beschreibt, wie Apple mit kreativen Angeboten reagierte: exklusive Schnittstellen (APIs), bevorzugte Platzierungen im App Store sowie Werbemöglichkeiten für Netflix. Am Ende lenkten beide Seiten ein – Netflix bot weiterhin In-App-Abos an, Apple unterstützte dies durch zusätzliche Leistungen.

Diese Einigung war möglich, weil beide Parteien bereit waren, sich auf die Prinzipien der interessenbasierten Verhandlung einzulassen. Sie identifizierten gemeinsame Ziele und entwickelten Lösungen mit langfristigem Mehrwert.

Warum interessenbasierte Verhandlung nicht immer funktioniert

Die gegensätzlichen Ergebnisse in den Fällen Apple–Samsung und Apple–Netflix zeigen, dass interessenbasierte Verhandlung kein Allheilmittel ist. Damit sie funktioniert, müssen beide Seiten bereit sein, über starre Positionen hinauszugehen und gemeinsame Interessen zu erkennen.

Gerade in der Elektronikbranche, in der Produkte, Plattformen und Nutzererwartungen eng miteinander verknüpft sind, kann eine zu kurzfristige Denkweise strategische Allianzen gefährden. Der Fall Netflix zeigt jedoch, dass auch in wettbewerbsintensiven Märkten Raum für kreative und kooperative Lösungen bleibt.

Wahre Verhandlungskompetenz zeigt sich darin, versteckten Mehrwert zu entdecken – nicht darin, den maximalen Profit aus einem Deal zu pressen. Dafür sind Empathie, gutes Timing und strategisches Denken entscheidend.

Verhandlungsstrategien für die Elektronikbranche

Aus beiden Fällen lassen sich wertvolle Lektionen ableiten. Erstens: Langfristige Partnerschaften sind oft wertvoller als kurzfristige Erfolge. Der Konflikt zwischen Apple und Samsung zerstörte eine strategisch bedeutende Beziehung. Zweitens: Jede Verhandlung ist einzigartig. Interessenbasierte Verhandlung funktioniert besonders dann, wenn die Interessen offen, flexibel und kompatibel sind.

Drittens: Eine Verhandlung endet nicht mit dem Vertragsabschluss. Die Art und Weise, wie Vereinbarungen umgesetzt, kommuniziert und weiterentwickelt werden, beeinflusst das Markenimage und die Marktdynamik nachhaltig. In Zeiten hoher öffentlicher Aufmerksamkeit zählen Transparenz und gegenseitiges Vertrauen mehr denn je.

Und schließlich: Innovation findet nicht nur im Labor oder am Reißbrett statt – sie geschieht auch am Verhandlungstisch. Apples Ansatz mit Netflix zeigt, wie kreative Verhandlungsführung neue Wertschöpfung ermöglichen kann. In einer zunehmend komplexen Branchenlandschaft braucht es mehr von dieser Denkweise.

Interessenbasierte Verhandlung: Verhandeln neu denken im Zeitalter der Technologie

Die Studie von Li und Kolleg:innen eröffnet einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen großer Tech-Verhandlungen. Anhand der Beispiele Apple–Samsung und Apple–Netflix wird deutlich: Verhandeln ist sowohl Kunst als auch Wissenschaft – mit Erfolg oder Misserfolg je nachdem, wie gut Unternehmen ihre eigenen Interessen und die ihrer Partner verstehen.

Mit der wachsenden Integration von Technologien steigen auch die Einsätze jeder Verhandlung. Es geht nicht nur um Patente oder Plattformregeln, sondern auch um globale Regulierungen und öffentliche Wahrnehmung. In diesem Umfeld ist strategisches Verhandeln nicht nur nützlich – es ist überlebenswichtig.

Die gemischten Ergebnisse von Apple machen dies deutlich: Wo es ausschließlich um Kontrolle ging, endete es im Konflikt. Wo man nach gemeinsamen Interessen suchte, entstand Fortschritt.

Kurz gesagt: Die wertvollste Ressource im Technologiesektor ist vielleicht nicht mehr Hardware, Software oder Daten – sondern die Fähigkeit, Brücken zu bauen, statt sie abzureißen.

Über den Autor

Dr. Oliver Mäschle

Dr. Oliver Mäschle ist Head of Consulting beim NASHER Negotiation Institute. Seit mehr als zehn Jahren führt er erfolgreich große Industrieverhandlungen in unterschiedlichen Branchen und bringt dabei umfangreiche Expertise in Verhandlungsführung und strategischer Beratung mit.

von Dr. Oliver Mäschle

Dr. Oliver Mäschle

Dr. Oliver Mäschle ist Head of Consulting beim NASHER Negotiation Institute. Seit mehr als zehn Jahren führt er erfolgreich große Industrieverhandlungen in unterschiedlichen Branchen und bringt dabei umfangreiche Expertise in Verhandlungsführung und strategischer Beratung mit.

Nehmen Sie Kontakt mit mir auf!

Haben Sie eine Frage zu den Inhalten oder wollen mehr zum Thema Sourcing erfahren? Dann nehmen Sie gerne mit mir Kontakt auf?